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Der Transvestit in der Öffentlichkeit

En femme everywhere? 5 Fragen

 

WAS WILL ICH?

Als Transvestit zu leben bedeutet heute für die meisten von uns ein Leben im Verborgenen. Die Allermeisten begnügen sich damit, Zuhause im stillen Kämmerlein ab und zu mal auszuprobieren, wie sie en femme aussehen. Wenn dann die Gelegenheit günstig ist und die Ehefrau, Freundin oder die Eltern für ein paar Tage verreist sind, dann probiert man das auch mal tageweise aus, nicht ohne sich irgendwann zu fragen, wozu man eigentlich den ganzen Aufwand mit Klamotten und Make-up treibt, wenn einen sowieso keiner sieht.

In den Zeiten digitaler Kameras und des Internets hat diese Frage eine einfache, aber nur vorläufige Antwort: Fotosessions für die eigene Website, für die man natürlich, weil die Konkurrenz groß ist, besonders süß aussehen muß. Ein schier endloses Betätigungsfeld!

Einigen von uns, aber bei weitem nicht allen, wird diese Beschäftigung bald langweilig. Nach der ersten Filmrolle verliere ich den nötigen Ernst, und nach der zweiten die Lust. Das Ganze wird dadurch noch schlimmer, daß man, nachdem man die erste Serie wirklich süßer Photos im Internet hat, laufend Mails der Form kriegt: "Du siehst wirklich nett aus, ich wohne auch in X, wollen wir uns mal treffen?". Die Versuchung wird groß, die hübsche Frau mal auszuführen.

In dieser Phase schreibt man dann in diverse Newsgruppen verzweifelte Posts der Form: "Hallo, ich wohne in X, wo kann man denn da en femme ausgehen." Antworten sind dann im Spektrum von: "Vergiß es, Baby!" (Straubing) bis "In Carolas Transentreff treffen wir und jeden Samstag, komm doch mal vorbei!" (Berlin).

Meine Antwort ist in dem Fall: "Überallhin". Beinahe zumindest. Auf den Jahreskongress der "Vereinigten Skinheads und Neonazis" wäre ein Auftritt en femme nur etwas für eingefleischte Gefahrensucher. Aber ich greife jetzt zu weit vor. Das Thema "Auswahl der Lokale" kommt später noch.

Beim Thema "Ausgang en femme" sollte man sich als erstes überlegen, was man eigentlich will. Ich meine nicht, was die Ehefrau, die Eltern, die Kollegen oder die Jungs vom Schützenverein zulassen würden, sondern was man selbst im Inneren wirklich möchte. Vielleicht ist man ja mit gelegentlichen Treffs in Szenelokalen zufrieden und vielleicht möchte man ja am liebsten sein ultrageiles Lack- und Lederoutfit ausführen und findet es stinklangweilig, mal en femme in die Stammkneipe oder ins Kino zu gehen. Das einzige, was frau dann noch braucht, ist eine Liste von geeigneten Lokalen und die Möglichkeit sich umzuziehen.

Ich selbst wäre damit nicht zufrieden, deswegen kann ich dazu auch nicht viel mehr schreiben. Mein Ziel war es immer, überall dahin als Frau zu gehen, wohin ich auch als Mann gehen würde. Damit wird alles etwas komplizierter und man muß sich eine Menge mehr Gedanken machen.

EN FEMME EVERYWHERE?
5 FRAGEN!

Wir leben in einer Gesellschaft, in der äußere Erscheinung, Verhalten und Geschlechterrolle eng zusammenhängen. Aus der einem biologisch zufallenden Rolle zu fallen, führt vor allem für biologische Männer zu einer starken sozialen Stigmatisierung.

SELBSTBEWUSSTSEIN

Die erste Frage, die man sich selbst stellen sollte ist, ob man mit der eigenen Persönlichkeit so sehr im Reinen ist und soviel Selbstbewußtsein hat, daß man zu sich selbst stehen kann. Es ist unvermeidbar, daß man früher oder später in der Öffentlichkeit einen Bekannten oder Kollegen trifft oder daß man angefeindet und verlacht wird. Kann man in so einer Situation bestehen? Wenn nein, dann sollte man, vorerst noch, Zuhause bleiben.

Die Frage nach dem Selbstbewußtsein ist nicht hypothetisch und man braucht es nicht so sehr, um kritische Situationen zu meistern. Man braucht es vor allem, um in der Öffentlichkeit die nötige Sicherheit und Lockerheit auszustrahlen. Wenn man selbst im Innersten nicht überzeugt ist, daß das, was man tut, völlig in Ordnung ist, dann werden es andere auch nicht sein und es einem merken lassen. Diese Erfahrung habe ich gemacht, als ich die ersten paar Mal weg war. Mein Make-up war sicher ein ganzes Stück besser, als es heute normalerweise ist und meine Klamotten viel sorgfältiger ausgewählt. Trotzdem bin ich viel öfter angegafft worden, weil ich viel zu verkrampft aufgetreten bin.

KÖRPERLICHE VORAUSSETZUNGEN

Die zweite Frage betrifft die eigenen körperlichen Voraussetzungen. Wie sehe ich aus? Dazu eine kleine Übung: stellt Euch nackt vor den Spiegel, mustert Euch von oben bis unten. Nur keine Scham! Ein selbstkritisches Verhältnis zur eigenen Körperlichkeit und den eventuell vorhandenen Unzulänglichkeiten gehört dazu. Und wenn ihr schon nackt vor dem Spiegel steht, dann nehmt gleich das Maßband und den Quelle-Katalog zur Hand und stellt Euere Damengrößen fest. Und immer daran denken: wenn mehrere Maße zu einer Größe führen, dann entscheidet immer das größte über die Konfektionsgröße. Oder noch brutaler ausgedrückt: In einem zu engen Rock sieht man nicht aus wie eine elegante, schlanke Frau, sondern wie ein fetter, geschmackloser Mann.

Wahrscheinlich wird Euere Größe für Blusen eine oder zwei Nummern größer sein, als euere Rockgröße, weil biologische Männer halt nun mal breitere Schultern haben. Wahrscheinlich sind euere Beine kürzer, als die einer Biofrau gleicher Größe. Das ist kein Grund zum Frust, auch die meisten Biofrauen sehen nicht aus wie Claudia Schiffer. Die meisten ziehen sich allerdings auch klugerweise nicht so an, was man leider nicht von allen Transvestiten sagen kann.

OUTFIT

Womit wir bei der dritten Frage sind, nämlich was eine Biofrau tragen würde, wenn sie so aussehen würde wie wir. Ein knallenges Etuikleid ist etwas Schönes, aber über einem Bierbauch verliert es entschieden an Wirkung. Schulterfreie Tops sind im Sommer herrlich, vorausgesetzt man hat sehenswerte Schultern. Wenn nicht, dann verzichtet man besser. Wenn man nicht verzichten will, weil nun einmal das enge Pailletenkleid mit dem Schlitz bis zum Bauchnabel das Ein und Alles ist, und man dazu noch unbedingt die Heels mit 15 cm Absatz in Größe 45 braucht, dann sollte man sich halt nur überlegen, welche Reaktionen eine Biofrau mit so einem Auftritt erzielen würde. Wenn man diese Wirkung in Kauf nimmt, oder sogar anstrebt, dann kann ich nur sagen: "Go ahead and enjoy!". Aber weint mir nicht dir Ohren voll, wenn dann die gesammelte freiwillige Feuerwehr im Dorfkrug von Hintertupfingen über Euch laut grölend Witze gemacht hat. Überhaupt sollte man dann aber das Wort "Tunte" als Ehrentitel verstehen. Aber ich schweife schon wieder ab. Zurück zu den ernsten Fragen des Lebens.

Der häufigste Fehler ist "Overdressing". Zu hohe Schuhe, zuviel Make-up und zu kurze Röcke sind das Markenzeichen des Transvestiten. Im günstigsten Fall hat man eine Biofrau, die einen bei der Frage nach dem richtigen Outfit beraten kann. Ansonsten hilft es sehr, bewußt andere Frauen zu beobachten. Für unsere Proportionen ist Kleidung ideal, die um die Schultern locker fällt. Schulterpolster sollten wir meiden, ich trenne sie aus Blusen und Jacken einfach raus. Lange Röcke wirken feminin und man sieht die Männer-O-Beine nicht. Absätze schaden nicht, vorausgesetzt, man kann darauf laufen. Ich ziehe mich en femme viel konservativer an als als Mann, weil ich bei klassischer Damenmode ein besseres Gefühl dafür habe, wie ich was kombinieren kann. Außerdem sieht man eindeutiger nach Frau aus, wenn man sich konservativer anzieht.

Zum Thema Outfit gehört übrigens ganz besonders die Frage nach den Haaren. Nachdem die wenigsten Männer eigene Haare wie Lady Godiva haben, ist die Haarfrage leider meistens eine Perückenfrage. Turmhohe Locken tragen heute, außer Transvestiten, nur noch wenige Menschen. Im 18ten Jahrhundert mag das anders gewesen sein, was sich aber noch nicht bis zu allen Anbietern von Haarteilen herumgesprochen hat. Ein sorgfältiger Blick auf die Haarmode und vor allem eine gute individuelle Beratung ist ein Muß. Schließlich ist eine gute Perücke wahrscheinlich das teuerste Einzelstück, das man besitzt. Eine gute Kunsthaarperücke kosten im Fachhandel, je nach Haarlänge, zwischen 300 und 600 Mark. Im Internet kriegt man die gleiche Ware oft deutlich billiger. Allerdings sollte man daran denken, daß man das gute Stück vielleicht irgendwann mal zum Auffrisieren weggeben möchte und dann die Verkäufer nicht eben begeistert sind, wenn es sich nicht um die eigene Ware handelt. Außerdem fällt bei Bestellungen aus USA oft noch eine ziemliche Summe an Zoll an. Billige Perücken sollte man meiden, denn der Qualitätsunterschied ist deutlich zu sehen.

Die nächste Frage lautet: Wo will ich hin? In dem Augenblick, in dem ich diese Zeilen schreibe, sitze ich gerade im Frühstücksraum in einem Geschäftshotel in Karlsruhe. Um mich rum sitzen jede Menge Männer in hellblauen Hemden und Krawatten. Sicher hätte ich mit dem schwarzen Lederrock, den hohen Lackstiefeln und meinen gefährlich aussehenden ultralangen Ohrgehängen hier den Auftritt meines Lebens haben können und damit einigen Menschen ihren tristen Siemens-Alltag aufgeheitert. Aber eigentlich wollte ich nur in Ruhe frühstücken. Also verzichte ich auf den Auftritt und wähle einen beigen Mini, flache schwarze Schuhe, ein dunkles Top und zwei kleine Perlen als einzigen Schmuck. Damit bin ich ungefähr genauso angezogen wie die beiden Frauen, die außer mir diese Männerrunde zieren. Unterm Strich heißt das, daß man als Transvestit eigentlich überallhin kann, wenn man für den Anlaß richtig aussieht. Man sollte es sich halt vorher überlegen, wohin man gerät. Und im Zweifelsfall die "Beste Freundin" fragen, was man zu der Gelegentheit anzieht. Das tun biologische Frauen nämlich auch.

BENEHMEN

Und nun zur letzten Frage: Wie würde sich eine Frau benehmen? Dazu ein kleines Märchen, ganz frei erfunden. Es war ein mal ein Transvestit, der sah aus wie die jüngst verstorbene Princess of Wales zu ihren besten Zeiten. Hübsch anzusehen, passend gekleidet und perfekt geschminkt. Der wunderte sich, warum die Leute in öffentlichen Lokalen immer so hämisch grinsten, wenn sie ihn sahen. Eines Tages erschien ihm eine gute Fee und sagte ihm, daß er drei Wünsche frei hat. Neben Reichtum und Gesundheit wünschte er sich, daß die Leute ihn in Zukunft ernst nehmen sollen, wenn er en femme ausging. Die ersten beiden Wünsche seien leicht erfüllbar, sagte die Fee, aber mit dem dritten könnte es schwierig werden. Der Transvestit war zu Tode betrübt, war es doch sein Herzenswunsch, als Frau in der Öffentlichkeit zu leben. Mit Tränen in den Augen fragte er die Fee, was denn das Problem dabei sei. Die Fee war gerührt und sagte: "Meine Liebe, das Problem bist Du selbst. Eine Frau setzt sich nicht breitbeinig auf Barhocker, sie bestellt nicht mit den Worten ‘Bedienung, machen’s mal da die Luft raus!’ quer durch den Raum ihr zweites Bier, um es dann gierig in zwei Zügen auszuleeren und sie ißt auch nicht mit beiden Ellenbogen aufgestützt laut schmatzend ihr Abendessen. Sie ...". Zwei Stunden später beschloß die Fee ihre Belehrungen und entschwebte. Der Transvestit aber nahm sich die Ratschläge zu Herzen, wurde bald darauf von einem Prinzen geheiratet und beendete sein glückliches Leben viele Jahre später bei einem tragischen Autounfall. Und die Moral von der Geschicht’: "Benimm Dich wie eine Dame und man wird Dich (hoffentlich) wie eine behandeln". Und wenn nicht, kannst Du immer noch den harten Kerl rauskehren.

PASSABLES PASSING

"Das hört sich ja alles ganz prima an!", denkt sich die geneigte Leserin, übt fleißig und hat ein paar Tage später einen Nervenzusammenbruch, als sie wieder einmal das Wort "Tunte" hört. Tatsache ist, daß nur die allerwenigsten von uns ein pefektes Passing haben.

Leider spukt einem die eigene Biologie immer wieder dazwischen. Sei es die Stimme, die Körpergröße, der Bartschatten oder der Adamsapfel, irgendein Merkmal verät uns immer. Um diese Probleme so weit wie möglich zu beseitigen ist medizinischer Aufwand nötig, der nur für den transsexuellen Weg in Frage kommt. Für eine Transsexuelle hat ein gutes Passing auch einen ganz anderen Stellenwert als für einen Transvestiten. Was lernt man als Transvestit daraus? Wir müssen auf den Satz "Guck mal, das da drüben ist ja ein Mann!" jederzeit gefaßt sein und lernen, mit diesen Situationen auf eine positive Weise umzugehen. Meine ganz persönliche Strategie dazu ist möglichst offen auf die Menschen zuzugehen. Der Fehler Nummer eins ist, sich zu schämen und möglicherweise sogar Rechtfertigungen oder Erklärungen anzubieten. Erstens will das niemand hören, zweitens niemand glauben und drittens geht es niemanden etwas an. Ich nehme für mich ganz selbstverständlich das Recht in Anspruch, genau wie jede Frau in der Öffentlichkeit aufzutreten. Dafür muß ich niemanden Erklärungen anbieten und ich muß für dieses Recht auch nicht mit missionarischem Eifer verbal eintreten. Ich muß es einfach nur tun.

Ein Wort zum Lachen und Ausgelachtwerden. Transvestismus hat, wenigstens für einen Außenstehenden, immer etwas lächerliches. Ein Drehbuchautor für amerikanische Comedie-Soaps hat mal gesagt, daß er, wenn er für eine Folge gar keine witzige Idee hat, immer noch ein letztes Mittel weiß. Und das ist einen Mann im Kleid auftreten lassen. Lachen entspannt eine Situation, und persönlich lache ich lieber mit den Menschen, als daß ich mich auslachen lasse. Und dann gibt es da immer noch ein Mittel, um einen zu aufdringlichen Zeitgenossen in seine Schranken zu weisen, nämlich die persönliche Kontaktaufnahme. Ein Zwinkern oder ein direktes Wort ("Gefall ich Ihnen?") hat jedenfalls schon so manchen Gaffer und so manche konsternierte Kellnerin besiegt.

NACHSCHLAG

Unterm Strich steht für mich jedenfalls die Schlußfolgerung, daß ein Transvestit, der mit sich und seinem persönlichen Umfeld im Reinen ist, heute mehr Chancen denn je hat, seine Persönlichkeit auszuleben. Sicher ist nicht alles in schönster Ordnung, negative Erlebnisse kommen vor. Selten zwar, aber man muß darauf gefaßt sein. Umso wichtiger ist es, heute die Chancen zu nutzen, die sich einem bieten, statt auf diffuse Hoffnungen von gesellschaftlichen Veränderungen zu bauen. Schließlich sind wir es, die diese Veränderungen auslösen müssen. Denn wenn wir es nicht tun, wer sollte es sonst tun?

Karin

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