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Narzissmus
Selbstliebe ist nicht gleich Egoismus

 

Ach, wo soll ich da anfangen? Am besten bei den alten Griechen. Die antike Sage geht so: Ein junger Mann, wohl eher noch ein Junge, war so von seiner eigenen Erscheinung angetan, daß er tagein, tagaus nichts anderes mehr tat als sich verzückt und selbstverliebt im Spiegel eines Sees zu betrachten. Darüber erzürnten sich die Götter und verwandelten den Hübschen in eine Narzisse.

Da drängt sich doch die Frage auf: Warum wurde er so gestraft? Weil er die erotischen Spielregeln verachtete, die Wechselwirkung verlangen? Die den einen zum Subjekt, den anderen zum Objekt der Begierde machen? War er doch beides in einem und somit nutzlos! Würde, wenn sein Beispiel Schule machte, nicht etwa die Liebe sterben? Der Tanz der Geschichte aufhören? Die gesamte Menschheit zugrunde gehen? Seine Gelüste, invertiert und höchst selbstzufrieden, brauchten kein Gegenüber, keine lebendige Projektion. Ihm genügte ein Spiegel. Er besaß sich, Objekt seiner eigenen Lust, so wie ihn kein anderer je besitzen konnte. Er kannte sich, so wie ihn nie ein anderer kennen würde. (Man nehme hier zur Abrundung auch einmal Oscar Wildes Position ein, der den See sprechen ließ: Dieser, ebenfalls Narziss, sah im Spielgel der Augen des Narcissus nur seine eigene unsägliche Schönheit sich wiederspielgen!)

Wir, die Menschheit und Nutznießer der Götter, haben seit dem Sündenfall des Narcissus alljährlich tausende Narzissen, uns daran gütlich zu halten. Das, was der Junge nicht mit anderen teilen wollte oder konnte, die Götter haben es ihm entrissen und uns in mannigfaltigen Hybrid-Versionen vor die Füsse geworfen.

Ich selbst verspürte stets eine innige Identifikation mit diesem griechischen Knaben, denn auch der Ursprung meines eigenen Narzissmus liegt in der Zeit himmlischer Unschuld, vor dem brutalen Einschnitt der Pubertät, die wie ein Fluch über mich hereinbrach. Obwohl mir der Spiegel täglich neue Schrecken zumutete, hielt ich getreu an meinem inneren Abbild fest, ja, ich brachte es in dieser mentalen Disziplin soweit, mich genauso zu sehen, wie ich mich wollte, ebenmäßig, jung-männlich, lichtüberströmt.

Doch hielt dieses Bild dem schnöden Leben nicht allzuoft stand. Die Dauerbelagerung durch die Realität brachte mich schließlich soweit, daß ich damit anfing, Schützengräben auszuheben, Burgmauern zu errichten und mich nur fest in Rüstung geschnürt meiner Umwelt zu nähern. Innerlich war ich dieser zutiefst verletzliche Knabe, aber selbst das vergaß ich mit der Zeit.

Da ich in meiner Entwicklung nicht auf meine vorpubertäre und so sorglose Sebstverliebtheit aufbauen konnte, meinen Körper vielmehr schon bald als komplett unzumutbar empfand, kompensierte ich den Verlust erweiterter Liebesmöglichkeiten, die sich auf andere Menschen erstreckten, mit einem aufgeblasenen Ego. Ich teile das übrigens mit vielen Menschen mit geringem Selbstwertgefühl. Da ich mich als zu kurz gekommen fühlte, wollte ich alles haben und kannte doch den Preis von nichts. Ich betäubte mich, mit Alkohol, mit Drogen, mit Arbeit. Nur nicht fühlen müssen, wie sich die innere Leere vollsaugt mit Schmerz! Ich hatte Beziehungen, entweder zu kurze oder zu krankhafte und wenn ich dabei verletzt wurde, empfand ich etwas, was einem echten Gefühl am nächsten kam. Schon wieder eine Sucht mehr! Ich hatte Sex - und stand dabei Kopf! Wenn ich schon nur diesen Körper hatte, der nicht zu mir passte, so wollte ich die Dinge wenigstens in meinem Inneren richtigstellen! Obwohl ich vielen Partnern sagte, daß ich mich als Junge empfand, ging die ultimative Enttäuschung über mich selbst davon noch lange nicht weg. Mein Leben wurde ein einziges Suchtverhalten und so selbstzerstörerisch ich auch vorging, glaubte ich dabei doch meine eigenen Interessen zu schützen.

Obwohl ich als Egoist ein Ekel war und mich dabei natürlich auch selbst nicht leiden konnte, sah ich keine Möglichkeit, aus der Falle der Selbst-bezogenheit zu entkommen. Ich konnte ja nicht einmal weit genug über meine eigenen Grenzen hinaussehen, um Möglichkeiten der Hilfe zu erkennen.

Vor vielen Jahren nahm ich zum ersten Mal an einem 12-Schritte-Programm teil und als man mir dort nahelegte, ich sollte mich ‘aufgeben’ und mich einer höheren Macht überlassen, geriet ich in Panik. Für mich war jede Aufgabe meiner Selbst, jede gefühlsmäßige Hingabe das gleiche wie Niederlage - unerträglich und demütigend.

Mit den Jahren habe ich viel gelernt. Der Mensch ist keine Insel. Ich mußte aus meiner Festung, aus meiner Rüstung. Und ich mußte vom falschen Dampfer. Ich wollte endlich geliebt werden, so, wie ich war, ohne schon im Vorfeld weit ausholen zu müssen. Ich wollte lieben, wie ich es nun mal schon immer tue, als Mann und immer nur Männer. Damit, glaube ich, bin ich auch meinem Narzissmus irgendwie treu geblieben. Ich liebe die, die so sind wie ich - eben homo=gleich. Auf der ganzen Welt blühen für mich die Narzissen - aber ein ähnlicher Fluch wie den Narcissus trifft mich natürlich noch immer. Ein Homosexueller ist eben auch eine Unfruchtbarkeit und lange Zeit galt einer, der keine zukünftigen Generationen erzeugt, als nutzlos, zweckentfremdet und gefährlich. Vielleicht war es auch schon immer nur der blanke Neid. Daß da einige den ganzen Spaß haben, ohne den üblichen Ballast an Verantwortung aufgehalst zu bekommen ist einfach ungerecht und deshalb unmoralisch. Aber genug philosophiert. Schubladensysteme gibts für jeden Geschmack.

Auf jeden Fall dauerte es lange, bis ich wieder lernte, mich selbst zu lieben. Ich mußte zurück zu dem Punkt, wo ich mich verloren hatte. Ich mußte wieder Kind werden. Langsam lernte ich meiner inneren Stimme wieder zu trauen, mich selbst wieder gut zu behandeln, mir selbst ‘gerecht’ zu werden und dabei das Gegeteil von selbstgerecht...offen, wie eine Blüte. Das ist ein Risiko und ich schaffe es manchmal noch immer nicht. Dennoch bin ich heute von so manchem Fluch

befreit. Ich habe mittlerweile einen Körper, mit dem ich fast so glücklich bin wie ein Junge im Sandkasten. Ich habe lebendige Beziehungen und halte mich langsam sogar für liebesfähig. Sexuell gesehen lebe ich zur Zeit zwar noch im goldenen Zeitalter des Narzissmus - ich kann den Unterschied zur Selbstbefriedigung von früher gar nicht deutlich genug betonen! Das war tierisch! - und habe schon mal spielerisch die schönsten Möglichkeiten einer Expansion auf andere angedacht. Und noch eine Erfahrung habe ich gemacht: Ohne Rüstung lebt es sich leichter und man kann auch viel besser tanzen!

H.

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15.12.1999 © VIVA TS Selbsthilfe
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