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Gute Freundinnen
bearbeitet von Karin


Wir unterhielten uns mit Daniela und Margit. Die beiden sind, nachdem Daniela's Transsexualität aufkam, als Paar zusammen geblieben.


VIVA: Wie war die Situation vor dem Outing?
DANIELA:

Ich denke, daß ich mich vor dem Outing ganz stark zurückgenommen habe. Ich habe wegen der Ehe und wegen der Kinder die Transsexualität nicht ausgelebt. Ich habe auch nicht geglaubt, daß ich es machen könnte, ohne unsere Familie zu gefährden. Ich habe die Transsexualität immer wegen anderen Menschen unterdrückt. Der Familie, aus der ich stamme, den Eltern, dem Umfeld, den Geschwistern, den Verwandten wollte ich soetwas nicht zumuten und irgendwo ist auch meine Erziehung so gewesen, daß man nicht aus dem Rahmen fallen soll. Man soll nicht auffällig sein und man hat ja auch einen Verstand, um auch mit psychischen Defekten fertig zu werden Es muß sich alles lösen lassen, aber bitteschön so, daß es gesellschaftsfähig bleibt.

Das Outing selbst war zwar ein Zufall, daß Margit das entdeckt hat, aber auch wieder nicht, weil irgendwie war die Zeit auch dafür reif und es war so, daß ich auch nicht mehr anders gekonnt hätte. Deshalb habe ich auch die Sachen nicht mehr mit der Vehemenz versteckt und zu verbergen versucht. Ich habe auch lange Zeit gegen mich selbst gearbeitet, und ich habe geglaubt, mit Hilfe einer Ehe meine Probleme lösen zu können. Ich hatte die Vorstellung, wenn ich eine Partnerin habe, dann kann ich schon allein durch das Zusammenleben so viele von meinen eigenen Wünschen auf die Partnerin und die Kinder reflektieren, daß ich da einen Teil meiner Weiblichkeit ausleben kann, ohne daß ich selbst körperlich und äußerlich weiblich werden muß.

MARGIT:

Unterschwellig vorhanden war das schon länger, aber ich habe das nicht erkannt, was da wirklich ist. Im ersten Gedanken war das bei mir immer, er führt ein Doppelleben, und er hat wahrscheinlich eine Freundin oder einen Freund. Ich würde auch nicht in einen Ehepartner eindringen, oder ihn zur Rede stellen, weil ich würde mir da nicht anmaßen, die Einzige sein zu müssen, auch wenn ich mit ihm verheiratet bin.

VIVA: Wie habt Ihr das Outing für Euch persönlich erlebt?
DANIELA:

Das war eine große Befreiung. Das war zwar mit sehr vielen Tränen und ganz viel Scham verbunden und auch mit dem unangenehmen Beigeschmack, als Lügner und Betrüger dazustehen. Aber als sich das wieder eingependelt hat, und wir wieder mitenander reden konnten, war das eigentlich die größte Befreiung, die ich in meinem Leben erlebt habe. Da war auf einmal ein riesiger Druck weg. Das andere war auch schwierig, die Eltern zu informieren, oder die Freunde und Kollegen, aber das Outing bei Margit war die schlimmste Hürde. Es den Kindern zu sagen war für mich auch ungeheuer schwer.

MARGIT:

Wir waren ja schon an die 14 Jahre verheiratet, als das aufgekommen ist, da hatten wir schon vier Kinder, der Jüngste war damals vier Jahre alt. Genervt hat mich immer das Gehetzte und das dünne Nervenkostüm dieses Mannes, und er war auch einigermaßen unerträglich. Er hat sich so verändert im Laufe der Jahre. Am Anfang war er in meinen Augen ein lustiger, ausgeglichener, wahnsinnig humorvoller und ruhiger Typ. Leider hat er dann über den Durst getrunken und ist zum Alkoholiker geworden und das war dann die erste tiefe Krise, die wir überstanden haben. Als die Sache mit dem Alkohol weg war, hat dann diese Beruhigung gefehlt und dann ist dieses Frausein wollen viel stärker hervorgekommen und so ist es dann ja auch eines Tages aufgekommen.

VIVA: Daniela, hast Du Dich in dieser Zeit stark zurückgenommen?
DANIELA:

Ich habe mich nicht nur zurückgenommen, ich habe gegen meine Transsexualität gearbeitet, die ich schon seit meiner Kindheit kenne und die habe ich mir versucht abzugewöhnen. Ich habe immer wieder die Tendenz gehabt, zu versuchen in Frauenkleider zu schlüpfen, wenn ich welche gehabt habe. Ich habe die auch zwischendurch immer wieder vernichtet, und das Zeug wieder weggeschmissen. Ich habe mir auch lange Jahre einen Vollbart stehen lassen um nicht auf dumme Gedanken zu kommen.

VIVA: Inwieweit haben die Kinder, bei der Entscheidung zusammen zu bleiben, eine Rolle gespielt?
DANIELA:

Ich glaube nicht, daß wir beschlossen haben, zusammen zu bleiben, sondern wir haben zunächst einfach so weiter gemacht wie bisher, da ich mir eigentlich nicht vorstellen konnte, daß Margit das trägt, das aushält und bereit ist das mitzumachen. Und ich sehe das bis jetzt so, daß wir uns persönlich gut verstehen und abgesehen von meiner Transsexualität im Zusammenleben keine großen Probleme haben.

Wir haben also zunächst den Status gewahrt und gesagt, wir bleiben zusammen, solange wir uns nicht so auf die Nerven gehen und nicht eine von uns einen Partner findet, der uns am weiteren Zusammenbleiben hindert, oder dazwischen steht. Wir haben festgestellt, es läuft ganz gut jetzt. Sicher haben auch die Kinder eine Rolle gespielt, aber es war nicht der ausschlaggebende Teil. An erster Stelle stand für uns der partnerschaftliche Zusammenhalt.

MARGIT:

Ja natürlich, die Kinder haben vielleicht sogar die entscheidende Rolle gespielt. Es hätte ja sein können, daß wir uns kurzzeitig trennen um mal auszuprobieren, wie es ist, wenn man alleine ist, aber mit Kindern kann man nichts probieren. Eines Tages hat Daniela es dann den Mädchen erzählt, die sind dann in Tränen ausgebrochen, aber wir haben Ihnen gesagt, daß wir zusammen bleiben. Kinder sind in so einer Situation hilflos und darauf angewiesen, daß die Eltern das hinkriegen.

Ich hatte mir auch überlegt, welche Alternativen es für mich gibt. Entweder wir gehen auseinander und einer allein hat die Kinder, oder wir müssen die Kinder teilen, aber das wäre gemein gewesen und hätte die ganze Sache nur noch mehr kompliziert. Wenn unsere Beziehung noch so lange zu machen ist, bis die Kinder diese Art von Erziehung und das Elternhaus nicht mehr nötig haben, dann können wir stolz darauf sein.

VIVA: Gab es irgendwann die Vorwürfe à la: "Warum hast Du mir das nicht schon von Anfang an gesagt?"?
DANIELA:

An den Vorwurf konkret kann ich mich nicht erinnern, ich kann mich nur erinnern, daß Margit immer wenn sie sich betrogen oder hintergangen fühlt sehr heikel reagiert. Ich glaube, sie hat sich zunächst von meiner Heimlichtuerei hintergangen gefühlt, aber da wir ja bis zu dem Zeitpunkt, wo meine Transsexualität nach außen ging, schon viele Jahre zusammengelebt haben, konnte man sicher nicht mehr sagen, ich hätte vor der Ehe etwas verheimlicht.

Ich habe ja auch mit der Vorgabe geheiratet, daß meine Transsexualität nie ausgelebt wird. Das hätte ein Geheimnis bleiben sollen, das in mir drin ist. Und da ich damals nicht in der Lage war, das zu überblicken, habe ich mir eingebildet, das sei etwas, das man sich abgewöhnen kann, wie zum Beispiel das Rauchen. Außerdem war ich mir zu dem Zeitpunkt ja auch noch nicht sicher, ob ich nicht vielleicht doch mehr Transvestit bin als eine Transsexuelle.

MARGIT:

Das waren nie Vorwürfe an Daniela, eher Vorwürfe an das Leben, daß es so schwierig für einen Menschen sein kann, mit solchen Problemen herrumlaufen zu müssen und sie so lange nicht lösen zu können. Ich habe es nicht so gesehen, daß ich einem betroffenen Menschen in so einer Situation einen Vorwurf machen dürfe. Am Anfang war es schon so, daß ich gefragt habe: "Warum erfahre ich das als Letzte?" , oder: "Warum hast Du mir das nicht schon längst erzählt?" Daniela hat irgendwann darauf geantwortet: "Weil ich es nicht konnte." Diese Antwort habe ich zuerst nicht akzeptiert, und ich war bitterböse. Es hat lange gedauert, aber irgendwann kam dann der befreiende Satz: "Weil ich mich nicht getraut habe." Die Angst von Daniela vor sich selbst habe ich dann sofort verstanden und konnte das akzeptieren.

VIVA: Wie hat sich der Umgang in der Partnerschaft aufgrund der neuen Situation verändert?
DANIELA:

Es ist in der Zwischenzeit eine Lebensgemeinschaft geworden. Im Augenblick, haben wir keine sexuelle Beziehung weil ich operiert bin, und meine Partnerin nicht lesbisch ist. Aber ich glaube auch, ich könnte es auch gar nicht, weil ich mich jetzt als Frau sehe und ich könnte keine sexuelle Beziehung zu einer anderen Frau haben. Wir haben so eine Lebensgemeinschaft als gut Freundinnen mit den gemeinsamen Kindern. Die Kinder sind für uns schon ein wichtiger Faktor.

Wir gehen auch jetzt etwas hemmungsloser unseren eigenen Wegen und unseren eigenen Interessen nach. Das Verhältnis ist auch etwas lockerer geworden, als es früher war und es ändert sich ständig, schon auch deshalb weil ich mich jetzt daran gewöhnen muß als Frau zu leben, und in dem Maße ändert sich auch unsere Lebensgemeinschaft.

MARGIT:

Das schwankt auch so in Extremen. Zum Einen sind wir so richtig die albernen Weiber geworden, die sich über unsere Beobachtungen an Männern belustigen können und uns ganz einig sind. Auf dem geistigen und intellektuellen Gebiet sind wir uns auch einig, da hat sich gar nichts verändert, das ist so der rote Faden, der von Anfang bis Ende durch gehalten hat. Wir haben eine Partnerschaft, die für uns mehr als eine Wohngemeinschaft ist. Es ist aber auch eine asexuelle Partnerschaft, denn diesen Bereich haben wir unangetastet gelassen, das ist sozusagen ein Tabubereich geworden. Eine lesbische Beziehung zu Daniela kommt aber für mich auch nicht in Frage.

VIVA: Was würde passieren, wenn einer von Euch beiden einen Partner finden würde.
DANIELA:

Das kann ich im Augenblick jetzt so nicht sagen. Es wäre für mich jetzt schwierig mit jemanden Fremden plötzlich zusammenzuleben, den ich kurzfristig kennenlerne, denn ich bin ja nicht allein. Ich habe das, wonach sich ja so viele Menschen sehnen, eine Partnerschaft und eine Geborgenheit insofern, daß wir zwei uns gut verstehen und uns über alle möglichen Dinge austauschen können. Wir sind nicht allein, weil wir nicht allein sein wollen, wir reden über alle unsere Befindlichkeiten und wir kennen uns seit Jahrzehnten. Also in dieser Beziehung geht mir nichts ab.

MARGIT:

Also im Augenblick brauche ich keinen männlichen Partner, da bräuchte ich auch sehr viel Zeit dafür. Und ich bin auch sehr anspruchsvoll, was einen Partner angeht und das würde ich jetzt nebenher nicht packen. In Realität wäre mir das jetzt zu kompliziert. Wir haben im Augenblick genug mit uns zu tun und wir sind auch genug Leute im Haus, und wenn noch jemand dazukäme dann würde das alles aus dem Gleis laufen. Für die Kinder würde das alles auch noch mehr komplizieren. Wenn Daniela jetzt noch jemand mitbringen würde und der würde bei uns wohnen wollen, das würde ich nicht aushalten. Die Kinder hätten da sicher auch ein Problem damit, und das würde dann auch mein Leben stark verändern.

VIVA: Vielen Dank für Eure Offenheit!

Das Interview führte Karin Willers

23.09.1999 © VIVA TS Selbsthilfe
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