Was tun?
Eine transsexuelle Frau berichtet
von ihren Erfahrungen
beim Abschluß einer Lebensversicherung.
Der Versicherungsvertreter meiner Eltern lag mir schon jahrelang in
den Ohren, endlich eine Lebensversicherung abzuschließen und zählte
mir die Vorteile auf, die es hat, wenn man jung damit anfängt:
niedrige Prämien, hoher Zinseszinseffekt durch die lange Laufzeit
und keine Gesundheitsprüfung. Doch wenn man sich so unsicher über
die eigene persönliche Zukunft ist, wie ich es damals war, denkt
man über anderes nach als über die Altersvorsorge.
Doch dann trat die Liebe in mein Leben, und somit hatte ich nicht nur
jemanden, auf dessen Namen ich die Lebensversicherung abschließen
konnte, sondern auch endlich eine Perspektive für mein Leben. Die
regelmäßigen Besuche bei der VIVA halfen mir zusätzlich,
mir über meine Zukunft klar zu werden.
Bei einem Vortrag in der VIVA erwähnte die Rechtsanwältin
Maria Sabine Augstein, daß es für Transsexuelle schwierig
werden könne, eine Lebensversicherung abzuschließen. War
man deswegen schon in ärztlicher Behandlung, so müsse man
das im Gesundheitsfragebogen angeben, zumal da meist ausdrücklich
nach Psychotherapie und Operationen gefragt werden würde Die meisten
Versicherungsgesellschaften nähmen Transsexuelle nicht auf.
Zum Glück war ich noch nicht beim Gutachter! Zu früh gefreut:
Wenn ich jetzt einen Vertrag abschließen würde, ohne die
Transsexualität zu erwähnen, wäre dieser wegen arglistigen
Verschweigens ungültig. Ich könnte natürlich behaupten,
daß ich zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses noch nichts von
meiner Transsexualität gewußt hätte. Aber damit das
einigermaßen plausibel erscheint, müßte ich nach Vertragsabschluß/
einige Jahre abwarten, bevor ich zum Gutachter ginge.
So ging es also nicht. Ich mußte mir also eine Versicherung suchen,
die mich trotz Transsexualität aufnimmt. Aber wie? Sich an jede
Versicherung einzeln zu wenden, ist nicht nur ungeheuer zeitaufwendig.
Man muß auch in den Versicherungsanträgen angeben, ob man
schon woanders einen Antrag gestellt hat und gegebenenfalls, ob er abgelehnt
wurde. Man kann wohl davon ausgehen, daß die Versicherungen den
Antrag in diesem Fall besonders argwöhnisch prüfen werden.
Ich beschloß, mich an einen unabhängigen Versicherungsmakler
zu wenden. Er hat oftmals gute Kontakte zu den Risikoprüfern der
Versicherungsgesellschaften und kann so bereits vor Vertragsabschluß
und ohne Namensnennung direkt anfragen, wie die Versicherungsgesellschaft
es mit Transsexualität hält.
Mein Makler meinte zuerst, daß die Transsexualität für
die Versicherungsgesellschaften keine Rolle spielen würde, wollte
aber trotzdem nachfragen. Das war auch gut so, denn wie sich herausstellte,
wollte mich zunächst keine Gesellschaft annehmen. Er wußte
nun auch, warum. Sie tun das wohl nicht wegen Vorurteilen, es ist pure
Statistik; bei Transsexuellen ist angeblich die Suizidrate und die Anfälligkeit
für psychische Erkrankungen statistisch gesehen höher als
im Bevölkerungsdurchschnitt. Wer die vielen lebenslustigen VIVA-Mitglieder
kennt, mag das gar nicht glauben. Allerdings muß man bedenken,
daß früher die psychotherapeutische Begleitung oft nicht
optimal war und viele Transsexuelle bis zur Operation einen langen Leidensweg
hinter sich hatten, der auch im späteren Leben nicht ohne Folgen
bleibt. Nun mag sich da inzwischen viel geändert haben, aber in
der Statistik wirkt sich das erst in einigen Jahrzehnten aus. Und leider
zählt für die Versicherung die Statistik und nicht der Einzelfall,
in dem es vielleicht ganz anders aussieht.
Da ich damit natürlich nicht zufrieden war, hat er noch einmal
nachgehakt, und schließlich doch noch eine Versicherungsgesellschaft
für mich gefunden. Allerdings mußte ich auf die eigentlich
gewünschte Berufsunfähigkeits-Zusatzversicherung verzichten.
Bei dieser sieht nuneinmal das statistische Risiko besonders schlecht
aus, weil eine psychische Erkrankung oft zur Berufsunfähigkeit
führt. Völlig problemlos war dagegen der Abschluß einer
Renten-Zusatzversicherung.
Die Versicherung sollte als sogenannte Direktversicherung abgeschlossen
werden, weil man auf diese Weise eine Menge Steuern und Sozialabgaben
sparen kann. Direktversicherung heißt, daß der Arbeitgeber
die Versicherung für mich abschließt und bezahlt. Ob er das
vom Gehalt abzieht, ist Verhandlungssache. Damit ergab sich aber ein
neues Problem, denn ich hatte mich noch nicht bei meinem Arbeitgeber
geoutet, und war dafür auch noch nicht bereit. Aber im Versicherungsantrag,
den der AG als Versicherungsnehmer natürlich auch unterschreiben
muß, stehen ja die Gesundheitsfragen und damit meine Transsexualität!
Mein Makler hatte daher mit dem Risikoprüfer der Versicherungsgesellschaft
vereinbart, daß er die Transsexualität nur auf einem separaten
Blatt erwähnt, das der Arbeitgeber nicht zu sehen bekommt, das
er aber zusammen mit dem Antrag einschickt. So haben wir das gemacht,
und einige Wochen später hatte ich meine Lebensversicherung. Ein
bißchen unwohl war mir dabei schon, auch weil ich dieses separate
Blatt nie gesehen habe. Ob sich die Versicherungsgesellschaft und der
Makler an die Vereinbarung wirklich halten, werde ich also erst sehen,
wenn die Namensänderung reibungslos klappt.
Wenn ich meine Erfahrungen verallgemeinern darf, so sind diejenigen
unter uns am besten dran, die ihre Versicherung weit vor dem Entschluß
zur Geschlechtsangleichung abgeschlossen haben. Wer zu spät kommt,
sollte aber trotzdem nicht verzagen, es gibt immer noch genug Möglichkeiten.
Martina
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15.06..2000 © VIVA TS Selbsthilfe