Home
Die VIVA
Termine
TS-Info
Zeitung
Bestellformular
Alte-Ausgaben

Selbsthilfe
Medien
Tips & Tricks
Interaktiv

Heilungschancen bei
Geschlechtsidentitätsstörungen im Kindesalter?

Ein Interview mit Dr. Bernd Mayenburg, dem Leiter der Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie
im Klinikum der J. W. Goethe-Universität in Frankfurt

 

Das folgende Interview erfolgte telefonisch, weshalb die Antworten nicht unbedingt wortwörtlich wiedergegeben sind, jedoch inhaltlich korrekt und teilweise durch Informationen aus vorliegenden Artikeln aus Publikationen erweitert. Dies wurde im Vorfeld des Interviews abgesprochen.

 

VIVA: Wie gelangen die Kinder/ Jugendliche zu Ihnen in die Klinik?
Mayenburg:

Über Kinderärzte, Hausärzte, Lehrer, Erziehungsberatungsstellen, Psychologen oder direkt über die Eltern, die von unserem Behandlungsprogramm gehört haben.

VIVA: Woran können Eltern/Kontaktpersonen erkennen, dass bei ihrem Kind/ Jugendlichen Trans* oder eine andere Identitätsstörung vorliegt?
Mayenburg:

An deren geschlechtsatypischen Verhalten und Interessen, wobei dies bei Jungen viel schneller auffällig wird, als bei Mädchen.

VIVA: Wie lange dauert es, bis ein Kind/ Jugendlicher zu Ihnen in die Klinik kommt?
Mayenburg:

Die jüngsten Patienten kommen im Alter von vier Jahren. Bei jemand, der auf dem Land wohnt gestaltet sich es schwieriger, einen geeigneten hilfreichen Ansprechpartner zu finden. Viele Patienten haben jahrelange Irrwege über verschiedene Beratungsstellen, Kliniken und Therapeuten hinter sich.

VIVA: Wie sehen die ersten Massnahmen und die weitere Vorgehensweise aus?
Mayenburg: Es wird eine eingehende psychiatrische Untersuchung verbunden mit psychologischen Tests gemacht, um andere psychische Störungen auszuschließen. Es folgt eine mehrjährige Psychotherapie. Wichtig ist auch eine Beratung der Eltern, vor allem in Fällen, in denen die Eltern einer Behandlung ablehnend gegenüberstehen.

VIVA: Ist es Ihrer Meinung nach gut, wenn Trans* früh bemerkt wird?
Mayenburg: Selbstverständlich. Eine eindeutige Diagnose "Transsexualität" kann präpubertär überhaupt noch nicht gestellt werden. Nicht jeder ist transsexuell! Die Mehrzahl der Geschlechtsidentitätsstörungen im Kindesalter stellt eine Vorstufe der Homosexualität dar.

VIVA: Finden sich die Kinder/ Jugendliche und Eltern/ Kontaktpersonen in das Schicksal ein oder wird versucht zu "heilen", beziehungsweise die Untersuchungsergebnisse zu ignorieren?
Mayenburg: Forschungsgruppen in den USA/ Kanada fanden heraus, dass die "Heilungschancen" bei Geschlechtsidentitätsstörungen im Kindesalter deutlich besser sind als im Jugendalter. Dies bedeutet, die Betroffenen konnten ihr biologisches Geschlecht nach der Behandlung doch noch annehmen. Nach der Pubertät ist eine Behandlung allerdings sehr schwierig. Einen Versuch eine Behandlung zu machen ist sehr wichtig, da dadurch viel Kummer erspart werden kann.

VIVA: Wie sieht das Leben eines Trans* Kindes/ Jugendlichen aus?
Mayenburg: Vor der Pubertät haben die Jungen sehr darunter zu leiden, da sie vermehrt auffallen. Der Leidensdruck ist bei den Mädchen ab der Pubertät größer.

VIVA: Wie empfinden Trans* Kinder/ Jugendliche selbst ihr Anderssein als andere Gleichaltrige? Können sie ihre Situation realistisch einschätzen?
Mayenburg: Geschlechtsidentitätsgestörte Kinder und Jugendliche bemerken sehr wohl ihr Anders sein, weil sie viel Ablehnung und Hänseleien erfahren, oft zu Außenseitern werden. Bei Kindern herrscht oft noch magisches Denken vor, z. B. dass ein Zauberer kommt und sie verwandelt. Jugendliche können ihre Situation realistischer einschätzen.

VIVA: Wie reagieren andere Kinder auf Ihr Klientel? Gibt es eher Ausgrenzung oder Akzeptanz? Und inwieweit ist das altersabhängig?
Mayenburg: Jungen erfahren sehr oft von anderen Jungen viel Ablehnung, sie werden eher von gleichaltrigen Mädchen akzeptiert. Ab der Pubertät wird es für sich auffällig feminin verhaltende Jungen besonders schwierig, während sich die Mädchen oft besser anpassen können und weniger Probleme haben.

VIVA: Was geschieht mit Ihren Klienten, wenn sie langsam erwachsen werden, aber dennoch die Hilfe eines Therapeuten benötigen? Behandeln Sie weiter oder überweisen Sie an einen Kollegen?
Mayenburg: Jugendliche, die schon im Kindesalter zu mir kommen, behandle ich weiter. Anders sieht es bei Patienten aus, die als Jugendliche im Alter von 17 - 18 Jahren zu mir kommen, diese werden an die sexualmedizinische Ambulanz der Frankfurter Universitätsklinik überwiesen.

VIVA: Haben Sie noch Kontakte zu früheren Klienten?
Mayenburg: Ja, nach der Umwandlung in größeren Abständen. Dies ist auch häufig Wunsch der Betroffenen.

VIVA: Nach dem TSG gibt es inzwischen kein Mindestalter für die Angleichung an das Wunschgeschlecht. Wie ist Ihre persönliche Meinung zu dieser Thematik?
Mayenburg: Eine angleichende Behandlung sollte unbedingt erst nach Vollendung der Entwicklung und der Volljährigkeit stattfinden. Es gibt Jugendliche, die nach längerer Therapiedauer doch noch ihr biologisches Geschlecht annehmen können. Bei zu frühzeitiger "Umwandlung" wäre diese Chance vertan.

VIVA: Spielen die Erfahrungen Ihrer Kollegen im Ausland, z. B. van Gooren in den Niederlanden oder der Portman Klinik in London für Sie eine Rolle? Und wenn ja, welche?
Mayenburg: Selbstverständlich spielen die Erfahrungen der Kollegen eine Rolle. Es findet ein regelmäßiger Informationsaustausch statt, hauptsächlich mit den Kollegen in London. Mit den Niederländern bin ich nicht einer Meinung, da ich eine frühzeitige Hormonbehandlung ablehne.

VIVA: Wie weit sind "gewöhnliche" Psychologen über das Thema Trans* auf Grund ihrer Ausbildung informiert? Besteht generelles Interesse an Fortbildung oder Informationsmaterial?
Mayenburg: Durch besseres Informationsmaterial und Fachliteratur ist die Verbreitung der Informationen über Trans* verbessert worden. Allerdings ist es immer noch sehr schwer einen Therapieplatz zu finden, da die Fachkompetenzen fehlen. Im Frankfurter Raum, beziehungsweise bundesweit gibt es keine weiteren Anlaufstellen, außer der Frankfurter Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Dr. Meyenburg tätig ist.

 

Weiterreichende Informationen zum Thema sind im Internet unter der Adresse www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/ll_kjpp.htm abrufbar. Dort sind die Leitlinien für die Behandlung von Geschlechtsidentitätsstörungen im Kinder- und Jugendalter erhältlich.

 

Zur Person

Herr Dr. Bernd Meyenburg ist Arzt für Kinder – und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und Leiter der Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Klinikum der J. W. Goethe-Universität in Frankfurt am Main, der einzigen in Deutschland vorhanden Anlaufstelle für Trans* Kinder und Jugendliche und deren Eltern. Wohl dem, der zufällig im Frankfurter Raum wohnt! Dr. Meyenburg ist durch seine Doktorarbeit über Sexualmedizin zu diesem Fachgebiet gekommen. In New York arbeitete er unter der Leitung von Prof. Dr. Susan Coales in einem Forschungs- und Behandlungsprogramm für Kinder mit Geschlechtsidentitätsstörungen. Seit 1986 baute Dr. Meyenburg ein solches Forschungs- und Therapieprogramm in Frankfurt auf.

Site by Sarah
19.07.2001 © VIVA TS Selbsthilfe
Anfang Vorige Zurück Homepage Anfang Vorige Zurück Homepage Suche Inhalt Mail